Autorenblog

Wundersplitter – Ein Text zu “Splitterleben”

Hallo ihr Lieben! Heute möchte ich euch etwas ganz besonderes zeigen – Zeilen, die mich tief berührt haben. Sie stammen nicht von mir, sondern von Laura, einer ganz bezaubernden Leserin. Splitterleben hat sie so bewegt, dass sie sich an einen Text über Mia gesetzt hat. Beim ersten Lesen sind mir Tränen über die Wangen gelaufen, weil ich es unfassbar fand, dass mein Buch jemanden so sehr beschäftigt und dass jemand sich über das Ende hinaus so sehr mit Mia und ihrer Krankheit auseinandersetzt.

Ich habe schon oft betont, dass Splitterleben ein ganz besonderes Buch für mich ist – und ich freue mich bei diesem Werk immer ganz besonders über euer Feedback, seien es Mails, Fotos, Bilder oder was auch immer! Ich danke euch dafür!

Dir, liebe Laura, 1000 Dank für diesen wundervollen Text!

Wundersplitter

Für Jenna Strack – von Laura Atzinger (Instagram: @cinderellaunderco_er)

Mein Kampf mit dem Leben wird sich jeden Tag ändern.
Lauf! Weiter! Schneller! Ich baue eine Geschwindigkeit auf, die mich durch Zeit und Raum begleitet. Ich blende alles in meiner Umgebung aus, aber ich weiß das nichts so schnell ist wie ich. Es ist als wäre die Welt für den Moment eingefroren. „Die Welt“ der kleine Punkt in einem unendlich großen Universum. Die Menschheit die darauf lebt. Unbedeutend. Ich sehe nur mein Ziel, rieche nur das Gras und den Schweiß und spüre nur meinen Herzschlag.
Nichts ist wichtiger als das Ziel in meinem Blickfeld. Ich schmecke den süßen Geschmack des Gewinnens auf meiner Zunge. Plötzlich wird mein Atem flacher, meine Beine schwerer und mein Herzschlag unregelmäßiger. Die Energie, die vor ein paar Minuten noch durch meinen Körper gerauscht ist verebbt. Ich breche zusammen. Liege auf der Erde. Meine Hände ertasten noch den rauen Untergrund der Laufbahn, bevor das schwarze Loch mich mit in die Finsternis reist.
Mein Kampf mit dem Leben wird sich jeden Tag ändern.
Die Finsternis besucht mich Tag zu Tag öfter. Wie eine Blinde suche ich nach einem Funken Licht. Ich bin nirgends sicher. Mein Körper gehört mir nicht mehr. Er entscheidet zukünftig, was und wann ich es mache. Ich bin nur eine Hülle meines früheren Ich´s. Ich stehe auf der anderen Seite. Ein Spiegel direkt vor mir. Ich berühre in vorsichtig mit den Fingerspitzen. Es entsteht erst ein kleiner, fast unsichtbarer Riss. Ein Wimpernschlag. Der Riss vergrößert sich und teilt sich schließlich in viele Risse auf. Sie werden größer, länger und schmerzhafter. Mein Spiegelbild verändert sich. Es ist kein Ganzes mehr vorhanden, nur ein zerrissenes Etwas.
Erschrocken nehme ich meine Hand sofort von der Scheibe und führe sie langsam zu meinen Lippen. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Und dann, passiert es. Der Spiegel bricht auseinander. Tausende Splitter. Es scheint, als würden sie schweben. Vor mir. Neben mir. Durch mich hindurch. Abertausende Stiche spüre ich auf mir. Ich falle auf die Knie, strecke meine Arme hervor und bemerke viele kleine definierte Schnitte auf meiner Haut. Die Einsamkeit trifft mich mit voller Wucht. Und nur ein Gedanke fährt durch mich hindurch: Ich will mein altes Leben zurück!
Mein Kampf mit dem Leben wird sich jeden Tag ändern.
Jeden Tag kämpfe ich. Das kann ich. Kämpfen. Für. Mein. Altes. Leben. Für. Meinen. Traum. Ich versuche die Splitter zu einem Ganzen zusammenzulegen. Ohne Risse. Ohne Narben, die bleiben. Doch bald merke ich, dass es ohne ein paar Kratzer nicht funktionieren wird. Der Wolf, der in mir wütet bringt mich in solchen Momenten um den Verstand. Ich bitte nicht um viel und doch straft er mich. An manchen Tagen mehr. An manchen Tagen weniger. Trotzdem vergleiche ich stets mein altes Ich mit meinem heutigen.

Was hat sich aus meiner früheren Sicht verändert? Meine Ziele? Meine Träume? Und was bliebe übrig, wenn sie sich verändert hätten? Mir wurde mal gesagt Respekt vor dem Wolf zu haben, sei nicht schwach. Er stehe immer an deiner Seite. Er ist ein Teil deines Selbst. Er ist diese Person. Doch vor anderen fühlt es sich an als wäre ich hinter einer Glasscheibe gefangen, aus der ich nur Beobachterin bin. Ich kann nicht entkommen, egal wie schnell ich bin.

Mein Kampf mit dem Leben wird sich jeden Tag ändern.
Neue Türen öffnen sich. Und das stimmt. Andere die man früher zuerst gewählt hätte sind dafür für alle Ewigkeit verschlossen. Die Vergangenheit muss man loslassen und die verschiedenen Wege betrachten. Die Grenzen nicht bekämpfen, sondern akzeptieren. Jeden Tag als Geschenk ansehen. Wunder sind möglich. Verschließe nicht die Augen, sondern werde ein Finder.
Suche nicht den Sinn. Sei der Sinn. Man trägt viele Verluste in seinem Leben, doch alles wird nach und nach mit einer Staubschicht überzogen. Doch ich träume weiter. Ich kämpfe weiter. Ich bleibe ich. Die Einsamkeit wie weggefegt. An meiner Seite, Menschen die mich unterstützen. Mich auffangen. Mich lieben.
Mein Kampf mit dem Leben wird sich jeden Tag ändern.
Ich mache mir meine eigenen Regeln. Ich setze die Splitter neu zusammen. Es wird klappen. Es wird nie leicht sein, aber ich weiß nun, dass ich mein Leben leben kann. Ich bin kein Suchender. Ich bin ein Finder. Das Wunder besteht in jedem noch so kleinen Splitter. Es scheint gefährlich, doch eigentlich strahlt mir nur eines entgegen.
Schönheit. So. Einfach. So. Undefinierbar. Der Wolf heult in mir. Ich heule mit ihm. Er ist ein Teil von mir. Wie mein Herzschlag.
Und wenn die Splitter mal wieder zerbrechen, halte ich meine Hände offen und fange sie auf.

Die W u n d e r s p l i t t e r.

 

%d Bloggern gefällt das: