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Vom Herz aufs Papier – Splitterleben – Herzensprojekt 2017

Die meisten von euch haben sicher schon auf Instagram oder Facebook die Fotos und Andeutungen zu meinem aktuellen Projekt gesehen; mein Herzensprojekt 2017, das sich zum Ende des letzten Jahres ganz dreist zwischen meine Arbeiten für den zweiten Band der Nacht-Trilogie geschlichen hat. Es gibt Ideen, die schreibt man sich auf, um sie zu bearbeiten, wenn man Zeit hat – davon liegen bei mir bereits ganz viele in der Schublade und ich weiß, irgendwann werde ich sie alle zu Papier bringen. Doch diese Geschichte ließ mich nicht los, oder besser gesagt: Mia ließ mich nicht los. Mia ist 17, und ihr Leben läuft einfach fabelhaft: Sie ist gerade voll dabei, sich ihren großen Traum von einer Läuferkarriere zu erfüllen und ganz nebenbei nimmt ihr großer Schwarm sie nach 3 Jahren des Hinterherrennens endlich richtig war. Alles läuft perfekt – doch dann bricht Mia zusammen. Und mit ihr all ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume. Ihr Leben zersplittert. Und es scheint so, als ob es sich niemals mehr zusammen setzen ließe …

Mein Herzensprojekt hat dieses Mal nichts mit Fantasy zu tun. Im Gegenteil. Es behandelt eine erschreckend reale Krankheit, an der in Deutschland etwa 60.000 Menschen leiden. Sie trägt den Namen systemischer Lupus Erythematodes und beschreibt eine Fehlunktion des Immunsystems, aufgrund welcher dieses die eigenen Körperzellen angreift, anstatt sich nur den Erregern von außen zuzuwenden. Ich bin mir sicher, dass noch nicht viele von euch von dieser Erkrankung gehört haben – und genau deshalb lag mir so viel daran, Mias Geschichte zu erzählen.

Mia ist ein ehrgeiziges, zielstrebiges Mädchen. Sie liebt den Sport, allerdings besonders das Laufen, das sie mit 14 Jahren für sich entdeckt hat. Sie ist schnell, motiviert und eine echte Kämpferin – doch wofür lohnt es sich eigentlich zu kämpfen? Für den Erfolg? Dafür, jemandem zu gefallen? Oder sich selbst etwas zu beweisen? Und darf man eigentlich jemals aufhören zu kämpfen, ohne gleichzeitig schwach zu sein?

Ab Mitte März werdet ihr verfolgen können, wie es Mia ergeht und wie die Erkrankung ihr Leben verändert.

Ihr könnt hier aber schonmal in den Prolog hineinlesen 🙂

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Prolog

Tag 44
meines zersplitterten Lebens

Kennst du das, wenn die Welt sich nicht mehr dreht und wenn sie
Kennst du das, wenn sie einfach plötzlich steht und wenn sie
Kennst du das und du läufst und läufst und läufst und kommst nicht anAus Mias Playlist:
LEA – Kennst du das

Wenn man nicht weiß, was einen erwarten wird, wenn man das nächste Mal wieder zu sich kommt, dann geht einem so einiges durch den Kopf; bei mir fühlt es sich ein bisschen an wie ein Abschied von meinem alten Leben.
Ein kleiner Tod, den ich nicht zu sterben bereit bin.
Noch nicht.

Ich wünschte, ich würde wenigstens einen verfluchten Film vor meinem inneren Auge ablaufen sehen, der mich ablenkt; so, wie es in todtraurigen Szenen aus Hollywood der Fall ist. Schöne, beruhigende Erinnerungen, die mir zeigen, wie toll mein Leben war. Egal, was passieren wird, diese Erinnerungen könnte mir niemand nehmen.
Doch sie kommen nicht.
Alles, woran ich denke, ist die Angst.
Denn ich bin siebzehn, nicht siebzig und ich habe bisher kaum Erinnerungen gesammelt, die jetzt durch meine Gedanken ziehen könnten, um mich von der Furcht vor dem Wegdämmern und der noch größeren Panik vor dem Ergebnis der Untersuchungen abzulenken, das mich nach dem Aufwachen erwarten wird.
Ich habe eine verfluchte Angst vor dem, was passieren wird. Davor, dass sie mir das Beruhigungsmittel geben, von dem man so dösig wird, dass man kaum noch etwas mitbekommt, während einen die Pfleger von der Station in den Untersuchungssaal schieben. Dahin, wo die Ärzte meinen Körper verletzen werden, einen Körper, den noch kein Mann dieser Welt berührt hat. Ich habe Angst vor den scharfen Instrumenten,
mit denen sie winzige Teile aus meiner Lunge und meiner
Niere entfernen werden, um sie zu untersuchen. Damit sie
herauszufinden können, wie kaputt meine Organe sind und ob sich ihr Verdacht bestätigt.

Ich hoffe so sehr, dass es nicht so ist.
Denn dann müsste ich noch mehr Angst vor meinem Körper haben; ein Körper, der mir in den vergangenen Wochen gezeigt hat, dass er keine Lust auf mich hat und dem es zuzutrauen wäre, dass er mich völlig im Stich ließe. Vielleicht denkt er sich: ›Hey, das ist meine Chance, mich zu verziehen. Let’s go, ich bin weg! Feiert eure lahme Party ohne mich!‹
Aber ich will nicht, dass er mich und meine Zukunft
zerstört. Ich will meine Ruhe vor all diesen Splittern haben, in die mein Leben zerbrochen ist und die sich nicht mehr
zusammensetzen lassen werden, wenn die Ärzte wirklich recht haben. Wenn da eine Krankheit in mir tobt, die mich zerstört.
Ich will kämpfen, so wie ich es immer tue. Und ich will noch viel erleben; will wieder Sport machen können, mein Abi hinkriegen und endlich einen Jungen küssen.
Ich denke an Tobi, den ich jahrelang angehimmelt habe. An seine kurzen braunen Haare, die beim Lauftraining vom Schweiß durchtränkt sind, und an die beeindruckende Geschwindigkeit, mit der er seine Bahnen im Stadion zieht. Ich bin immer da gewesen, um ihn anzufeuern oder bei der Wettkampfvorbereitung seine Zeit zu messen. Ich war sein persönlicher Cheerleader, seine kleine Assistentin, die nur seinetwegen zum Laufsport gekommen ist. Um ihm aufzufallen. Wir sind so ein gutes Team.
Aber wo ist er jetzt?

Die Einsamkeit trifft mich mit voller Wucht. Wie leicht wäre es, sich ihr zu ergeben, zu weinen, sich in Hoffnungslosigkeit und der Angst vor der Zukunft zu verlieren? Sich zu wünschen, dass alles vorbei ist?
Doch das kann ich nicht.
Ich will mein altes Leben zurück.
Ich will, dass sich bei der Untersuchung herausstellt, dass alles nur ein furchtbares Missverständnis war und die Splitter wieder ein normales Ganzes ergeben. Ohne Risse. Ohne Narben, die bleiben.
Meine naive Hoffnung darauf hält mich davon ab, aus dem Bett zu springen und nach Hause zu rennen, natürlich nicht annähernd so schnell und mühelos, wie ich es früher gekonnt hätte.
Das Krankenhaushemd klebt kalt an meinen verschwitzten Beinen, mit denen ich vor wenigen Wochen noch so zielstrebig über die Tartanbahn gerannt bin. Ich habe drei Jahre lang hart trainiert und bin endlich kurz davor, auf internationaler Ebene mithalten zu können. Ich könnte die Deutsche Meisterschaft gewinnen – und wer weiß, vielleicht auch mehr. Ich lebe für den Sport. Morgens vor der Schule eine Runde laufen, dann in die Klasse und lernen. Nachmittags ins Fitnessstudio, um das Krafttraining zu absolvieren, und abends Techniktraining mit Jan, meinem Trainer.

Ich habe meine Teeniezeit dem Laufen gewidmet und ich habe es geliebt, doch in diesem Moment bereue ich es und ich hasse mich dafür. Ich hätte vielleicht auf Partys gehen, mich zum ersten Mal betrinken oder mit den Jungs aus meiner Klasse herummachen sollen. Ich hätte laufen sollen, um zu leben, und nicht leben, um zu laufen.
Ich spüre den kalten Stoff des Hemdes unangenehm auf der empfindlichen Haut meiner Oberarme. Ein unnachgiebiger Druck lastet auf meiner Brust und ich ringe nach Luft. Selbst der kleinste Atemzug strengt mich an. Ich ziehe so viel Luft ein, dass ich das Gefühl habe, meine Lunge würde platzen, doch gleichzeitig kommt so wenig in ihr an, dass ich fürchte, zu ersticken.
Bitte, flehe ich in Gedanken Gott, meinen Körper oder wen auch immer es interessiert an, mach, dass sich ihr Verdacht nicht bestätigt. Mach, dass mein Körper sich nicht blutrünstig auf meine Organe stürzt, um sie eins nach dem anderen zu zerstören.
Aber ich fürchte, dass dieses Flehen vergebens ist.
Ich spüre den tobenden Kampf in mir.
Im nächsten Moment steckt einer der Pfleger seinen Kopf zur Tür herein und lächelt mich aufmunternd an. Es ist sein Job, optimistisch auszusehen, doch ich weiß genau, dass er denkt, dass ich eine arme Socke bin. Siebzehn Jahre alt und der Körper ist ein einziges kraftloses Trauerspiel.

Sein Lächeln macht mich nur noch ängstlicher und ich versuche, mich schwerer in mein Bett zu drücken, in der Hoffnung, ich könnte vollends darin versinken und auf der anderen Seite der Erde herausfallen.
Ich will das alles nicht.
Ich hätte niemals, niemals gedacht, dass mir so etwas einmal passieren würde. Ich habe geglaubt, dass mich nichts stoppen könnte.
Und nun ist es vielleicht mein eigener Körper, der mich aufhält.
Der Pfleger kommt näher und macht Anstalten, die Bremse meines Bettes zu lösen. Er setzt den hellbraunen Plüschwolf, neben dem ich seit dem Wettkampf-Nachmittag auf dem Rummel vor fünf Monaten jeden Abend eingeschlafen bin, neben mich auf das Kissen und macht ein Gesicht, als könnten wir zu dritt die Welt erobern.
»Na, Mia, bist du bereit?«
»Nein«, antworte ich wahrheitsgemäß.
»Keine Sorge, das wird schon. Du bist doch eine Kämpferin!«
Ich lächele traurig. Ganz sicher war ich noch niemals in meinem Leben so
wenig eine Kämpferin wie in diesem Moment.

Splitterleben ist ab Mitte März auf Amazon.de erhältlich. Wie auch schon bei Nachtbeben werdet ihr außerdem die Möglichkeit haben, ein signiertes Exemplar direkt bei mir zu bestellen.

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