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Nachtlügen

Und dann sah ich es: Das Licht, von dem Menschen nach einem Minutentod berichteten. Doch es war nicht hell und freundlich, sondern aggressiv und stechend. Die Schnelligkeit, mit der es auf mich zuraste, machte mir Angst.

Zurück in ihrem Zuhause wartet eine neue Herausforderung auf Emma. Zwar hat sie ihr Trauma überwunden, doch nun ist es an der Zeit, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen und Kieran wieder näher zu kommen. Doch das muss warten, denn Emmas bester Freund Jerry trauert um seine verstorbene Freundin und versinkt dabei in einer besorgniserregenden Depression. In seinem Kummer flieht er noch London, weit weg von den Erinnerungen an Hannah. Emma folgt ihm, um für ihn da zu sein. Sie ahnt nicht, dass weitere Gefahren nur darauf lauern, ihren Weg zu kreuzen …

Nachtlügen ist der zweite Band der Nacht-Trilogie.

Das Buchpaket ist ab sofort in meinem Shop vorbestellbar (gerne mit persönlicher Widmung).


Produktinformation

  • Taschenbuch: 370 Seiten
  • Erscheinungstermin: 11. Dezember 2017
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1539655741
  • ISBN-13: 978-1539655749

Leseprobe:

Prolog

   »Wir dürfen das nicht tun. Es ist zu gefährlich.«
Kierans Stimme klang seltsam distanziert. Ich blinzelte, um im Dunkel der Nacht seine Gesichtszüge erkennen zu können. Die hohen Baumkronen über uns schluckten das Licht des Mondes und die vom Sturm angetriebenen Äste dröhnten in meinen Ohren. Ich wusste nicht, was los war. Wovon redete er? Was durften wir nicht tun? Und was machte ich überhaupt mitten in der Nacht im Wald? Wie war ich hierhergekommen?
Ich trat an Kieran heran und streckte meine Hand nach ihm aus, er ließ sie jedoch unbeachtet in der Luft hängen. Verunsichert konzentrierte ich mich auf seine Augen, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu erkennen, was mit ihm los war. Allmählich gewöhnte ich mich an das fahle Licht, das mir eine Mischung aus Wut und Enttäuschung in seiner Miene offenbarte. Ich hatte ihn in letzter Zeit wiederholt leicht reizbar erlebt, doch heute war es anders. Er war ungeheuer aufgebracht.
Ein Frösteln zog sich von meinen Schultern über meine Arme, allerdings spürte ich, dass meine Gänsehaut nicht von den kühlen Windböen herrührte, sondern von der eisigen Stimmung, die in der Luft lag.
»Verstehst du nicht, was ich sage?«, fragte Kieran und blickte mich ungeduldig an.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.
Er seufzte schwer. Eine tiefschürfende Angst schlich sich in seine dunkelgrünen Augen. Es war ein Blick, den ich kannte und der Panik in mir auslöste. Genau so hatte er mich angesehen, als er mich vor Mason hatte beschützen wollen. Mason, von dem ich vor wenigen Wochen noch gedacht hatte, er wäre mein Freund. Jemand, dem ich vertrauen konnte. Und weil ich genau das getan hatte, war ein Unglück nach dem anderen passiert.
Die Erinnerungen an den Abend vor drei Monaten ploppten wie Szenen aus einem drittklassigen Horrorfilm in meinem Kopf auf. All die Schläge, das Blut und das lähmende Gefühl, inmitten einer gänzlich aus dem Ruder gelaufenen Situation gefangen zu sein. Der unbändige Wunsch, das alles wäre nicht real, sondern nur einer dieser verstörenden Träume, die mich regelmäßig heimgesucht hatten. Der Hass, der die Waldluft verpestete und die Schmerzenslaute meiner Freunde zu mir herübertrug, während ich wie versteinert in meinem Versteck kauerte und unter Tränen beobachtete, dass mein bester Freund Jerry niedergeschlagen wurde. Die regungslose, brutal zugerichtete Gestalt seiner Freundin Hannah, deren Anblick mich seitdem nicht mehr losließ. Ich sah mich selbst vor dem von Groll getriebenen Mason davonlaufen, der mich lieber umbringen wollte, als zuzulassen, dass ich mich von ihm abwende. Das Messer in seiner Hand. Die Dunkelheit, die mich umhüllte, nachdem die Klinge sich in meinen Bauchraum gebohrt hatte.
Das Karussell meiner Gedanken drehte sich immer rascher und ich spürte Übelkeit in mir aufsteigen. Erneut streckte ich meine Hand nach Kieran aus, doch er stand weiterhin stocksteif da, inmitten der Dunkelheit.
»Verdammt, jetzt antworte mir endlich! Was soll das hier?«
Er bedeckte seinen Mund und seine Nase mit den Händen, als ob er dahinter Schutz suchte. Mit einem Nicken richtete er seine Aufmerksamkeit auf einen Punkt hinter mir.
Ich drehte mich langsam um und versuchte zu erkennen, was Kieran meinte. Auf den ersten Blick schien alles normal. Bis auf das Rauschen der Wellen in der Ferne und das Pfeifen des Windes in den Bäumen war es still. Mittlerweile hatte es zu nieseln begonnen und ich sog den Duft von nassen Blättern und Moos ein, der so wunderbar anders war als der beißende Geruch der Desinfektionsmittel, der mich in meiner Zeit im Krankenhaus pausenlos umweht hatte und der mir noch heute aus heiterem Himmel in die Nase stieg. Das war wohl das Pendant zu Phantomschmerzen: Ein Phantomgeruch, der eigentlich nicht in meinen Alltag gehörte, aber von meinem Gehirn immer wieder reproduziert wurde, um mich die Erlebnisse von vor ein paar Wochen bloß nicht vergessen zu lassen. Als ob das jemals passieren würde …
Die klare Luft strömte in mich ein.
Ich nahm einen tiefen Atemzug und blähte meine Lungenflügel auf, um möglichst viel davon aufnehmen zu können. Ich fühlte die Natur in mir, die intensive Verbindung, die ich mit ihr hatte, ob ich es nun wahrhaben wollte oder nicht. Eine Verbindung, die ich gleichzeitig auch mit Kieran teilte.
Von Anfang an hatten wir gespürt, dass da etwas zwischen uns war, was uns aneinander anzog und uns zur selben Zeit entzweite. Wir waren beide nicht ›normal‹, sondern Launen der Natur. Fleischgewordene Waldgeister aus den schottischen Legenden, die meine Mutter mir früher immer vorgelesen hatte, ohne mir dabei zu verraten, dass ich ein Teil von ihnen war. Ich schloss meine Augen und sog noch einmal tief Luft ein. Sie brachte das Karussell in mir zum Stehen und half mir dabei, mich zu beruhigen. Sie war so rein, so frisch und so herrlich normal …
Doch dann stutzte ich.
Eine fremde süßliche Note mischte sich unter den Waldduft. Sie roch nicht angenehm; nicht so, wie Kieran üblicherweise duftete – nicht nach Bittermandel oder Bäckerei, der Duft, der ihn dank der Pflanzen, von denen er sich ernährte, umwehte. Diese fremde Duftnote brachte mich eher dazu, angeekelt die Nase zu rümpfen und meine Augen wieder zu öffnen, um herauszufinden, woher sie kam. Das Laub hinter uns war derart aufgewühlt, als hätte jemand nach etwas gesucht. Vielleicht war es ein Fuchs gewesen, der auf Nahrungssuche das Unterholz nach Beute durchforstet hatte. Vermutlich war er erfolgreich gewesen und hatte einen Rest seines Abendessens dort drüben liegen lassen, was auch den fürchterlichen Gestank erklären würde, der immer intensiver zu uns herüber waberte.
Ich sah mich weiter um und erblickte etwa fünfzig Meter entfernt zwischen den dichten Baumreihen ein Lagerfeuer, dessen Rauch nun vom Wind in unsere Richtung getrieben wurde. Winzige Aschepartikel wehten an meinem Gesicht vorbei. Einige von ihnen glimmten noch und schimmerten magisch, so als ob jemand Glühwürmchen mit Glitzerstaub beworfen hätte. Wie schillernde Pailletten tanzten sie als flackernde Wölkchen durch die Luft und verschwanden zwischen den Baumstämmen in der Dunkelheit des Waldes. Diese friedliche Szenerie passte überhaupt nicht zu dem Gestank, der immer beißender wurde. So stellte ich mir den Geruch vor, wenn jemand einen verwesenden Tierkadaver über dem Feuer röstete. Doch warum sollte irgendjemand so etwas tun?
Neben den Flammen entdeckte ich eine Gestalt, die sich duckte, wohl in der Hoffnung, nicht von uns gesehen zu werden. Ihre schmale, weibliche Silhouette kam mir bekannt vor, doch sie war zu weit entfernt, um sie einer bestimmten Person zuzuordnen. Sie blickte zu uns herüber, während sie versuchte, das Feuer mit einem Haufen Laub zu ersticken.
Was auch immer sie da tat, ganz offensichtlich wollte sie es vor Kieran verstecken. Ich begriff aber nicht, was das alles mit mir zu tun hatte.
»Habe ich mich beim letzten Mal nicht deutlich genug ausgedrückt? Du solltest dich doch um deine eigenen Belange kümmern«, fuhr Kieran mich erneut an, so als hätte er meine Gedanken gelesen. Die Härte in seiner Stimme versetzte mir einen heftigen Stich, ähnlich dem des Messers, das Mason benutzt hatte. Als ich mich wieder zu ihm umdrehte, sprach er beschwörend und gleichzeitig erschreckend verzweifelt weiter. »So machst du alles nur noch schlimmer, begreifst du das nicht?«
Ich hätte gerne endlich etwas gesagt, doch mein Mund blieb geschlossen. Ich spürte, dass ich die Kontrolle über meinen Körper verlor. Meine Beine gaben nach und ich suchte hilflos Kierans Blick. Vergeblich. Denn er sah direkt an mir vorbei; nein, vielmehr sah er durch mich hindurch.
Im Mondschein, der in diesem Augenblick durch die wankenden Baumkronen brach, erkannte ich in seinen Augen das Spiegelbild einer anderen Person. Ein dunkler Schopf zeichnete sich in Kierans Pupillen ab.
In dem Moment, in dem ich zu Boden sank, wurde mir bewusst, dass er nicht mit mir sprach. Und dass er das vermutlich die ganze Zeit über nicht getan hatte. Bevor ich ohnmächtig werden konnte, hallten Kierans Worte mit einer angsteinflößenden Bestimmtheit durch die Stille, die keine Widerrede zuließ.
»Emma darf nie etwas hiervon erfahren, hörst du?«

Ich schreckte hoch.
Das Licht der Straßenlaterne brach durch das löcherige Rollo in Jerrys WG-Zimmer und draußen auf der Straße hörte ich durch das gekippte Fenster den langsam erwachenden tosenden Verkehr. Das Dröhnen der schweren Lieferwagen vermischte sich mit dem zischenden Geräusch der sich öffnenden Bustüren. Die ungewohnte Geräuschkulisse war ein komplettes Kontrastprogramm zu der Ruhe, in der ich mein ganzes bisheriges Leben in Heysham erwacht war, doch gleichzeitig beruhigte mich der Krach dort draußen, ähnlich wie das Brummen und Heulen des Staubsaugers einem unruhigen Baby Geborgenheit spendete. Ich war in Sicherheit.
Erschöpft strich ich mir eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Mundwinkel und atmete tief durch. Ich war in London. Keine Spur von der schattenhaften Silhouette, dem Feuer oder dem beißenden Gestank. Statt Kieran erkannte ich Jerry neben mir, der sich unruhig hin und her wälzte.
Ich streckte meine Hand nach seinem Arm aus und berührte ihn sanft. Ich konnte mir denken, von wem er träumte, und ich wusste, dass sein Alptraum weitaus entsetzlicher war als der, den ich gerade gehabt hatte. Denn im Gegensatz zu mir würde er ihm auch nicht entkommen können, wenn er aufwachte. Der schlimmste Traum meines besten Freundes war Realität. Eine Realität, die ihn in den vergangenen Wochen so sehr verändert hatte, dass ich ihn kaum mehr wiedererkannte. Bedrückt zog ich mir die Decke über die Schulter. Mein nass geschwitzter Körper fröstelte dank der kühlen Nachtluft, die von draußen hereinströmte. Obwohl Jerry direkt neben mir lag, fühlte ich mich furchtbar einsam. Kieran fehlte mir so sehr. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, herzukommen.

 

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